1443 hatte der Rat der Stadt Balingen den Bau einer neuen, großen Pfarrkirche entschieden. Eine bereits vorhanden Nikolauskapelle sollte in die neue Kirche eingefügt werden. Zwei Tage nach Pfingsten 1443 wurde mit dem Bau begonnen. Der gräflich württembergische Baumeister Hänsling Joerg der Ältere wurde mit der Aufgaben des Baues betreut. Als dieser 1450 verstarb führten seine Söhne Hänslin Joerg der Jüngere und Aberlin Joerg seine Arbeit fort.
Da direkt vor der Ostseite der Kirche der Marktplatz lag, musste diese Seite besonders schön und wirkungsvoll sein. Deshalb plante der Baumeister an dieser Stelle einen besonders repräsentativen Kirchturm. Der 61m hohe, achteckige Turm ist seit seiner Fertigstellung neben dem Zollernschloß das Wahrzeichen der Stadt. Auf dem Grundriß sind die gewaltigen Seitenwände des Chors ersichtlich. Sie sind bis zu 3m stark und bilden zugleich den untersten Stock des Turmes.



Das architektonische Können des Baumeisters wird durch die Ausführung der Stockwerke deutlich. Die Stockwerke werden nach oben höher (ca. 5.5m, 6m, 6.5m, und 10m), ebenso die Fenster (die Schallfenster des Glockengeschoßes sind 8m hoch). Der ca. 12m starke Durchmesser des Turmes bleibt identisch. Dadurch erscheind der Turm wesentlich mächtiger.
Bis zum Umgang mit dem steinernen Maßwerkgeländer wurde nach Plan gebaut. Dann kamen die begonnenen Turmarbeiten in 50m Höhe ins Stocken. Erst 1541 schloß der Steinmetzmeister Stefan aus Tübingen den Balinger Turm mit einem einfachen Stockwerk ab. Die Fertigstellung des Turmes 1541 war zugleich der letzte Bau- abschnitt der Stadtkirche Balingen. Das obere Stockwerk war jahrhundertelang die Wohnung des Turmwächters. Das kupferne Dach trägt ein vergoldetes Gestirnsymbol an der Spitze. Der Dachreiter trägt die 600 Jahre alte ehemalige Feuerglocke.
Das Langhaus wurde ebenfalls von Hänslin Joerg dem Älteren entworfen. Die Ausführung übernahm 1510 bis 1516 der Tübinger Meister Franz. Durch 12 starke, nach innen gezogene Strebepfeiler ergaben sich 12 Kapellennischen und je ein Seitentor. Die Westfassade grenzte schon an die Stadtmauer. Aus diesem Grund war eine Verzierung nicht notwendig und Schmuck nicht angebracht. Die Mauer ist stärker gebaut, um gegen einen Beschuß vom Heuberg aus mehr Schutz zu bieten. Schlicht wie die gesamte Aussenansicht des Langhauses ist auch das Westportal. Die Maßwerkfenster mit unterschiedlichen Fischblasen- und Kleeblattmustern an den seitlichen Kapellen- nischen stammen ebenfalls von Meister Franz.
Im Inneren erscheint der Chor als einheitlicher Raum von 15m Länge und 6,5m Breite. Er wird überspannt durch ein Sterngewölbe. Die Glasfenster im Chor sind erst um 1900 entstanden. In der Südwand befindet sich ein eingelassener Schrank mit einer zweiflü- geligen Eisentüre mit Rautenmuster und einem kunst- geschmiedeten Schloß mit der Jahreszahl 1598. Ein spitzer Triumphbogen mit breiter Leibung und seit- lichen Hohlkehlen verbindet den Chor mit dem Langhaus. Das Langhaus liegt tiefer als der Chor und ist genau eingeteilt in sieben Spitzbogen-Arkaden mit umlaufender Empore. Im Mittelschiff befindet sich die von Meister Franz geschaffene steinerne Kanzel. Der Schalldeckel der Kanzel wurde von Simon Schweizer, der von 1593 bis 1613 in Balingen lebte, geschaffen. Er schuf ebenfalls ein lebensgroßes Holzkruzifix.
 
              
28.08.2008